Die Friedrichsburg
Kurie Jesuitenkloster Vorsehungskloster

 Friedrichsburg nannte man einen Gebäudekomplex zwischen Weselerstraße, Koldering, Hoppendamm und Offenbergstraße, der dort von 1729 bis 2021 existierte. Die Friedrichburg war ursprünglich eine Domherrenkurie, später ein Noviziat des Jesuitenordens, zuletzt Provinzialmutterhaus der Vorsehungsschwestern.


Die Friedrichburg war nie eine Burg
Der Name Friedrichsburg ist eher volkstümlich entstanden und hat sich durchgesetzt. Die Friedrichsburg war ursprünglich Wohnsitz des Domherren Friedrich von Galen, der sie 1829 für sich bauen ließ. Sie war ein symmetrisch angelegtes Gebäude mit Mittelachse, das im Laufe der Zeit zahlreiche Veränderungen erfuhr. Baumeister war der Münsteraner Barockarchitekt Gottfried Laurenz Pictorius.

Wer war Friedrich von Galen?
Friedrich Christian (1689 – 1748) aus der westfälischen Adelsfamilie von Galen war Domherr und ab 1732 Domdechant unter dem Münsteraner Fürstbischof Clemens August von Bayern. Sein Grab befindet sich in einer der Galenschen Kapellen des Paulusdomes. Er war Nachfahre des berühmten Fürstbischofs Bernhard von Galen und gehörte zu den Verwandten des NS-Gegners Kardinal Clemens-August von Galen.

Weit draußen vor der Stadt
Weshalb sich Friedrich von Galen weit draußen vor der Stadt eine Residenz bauen ließ, ist nicht wirklich geklärt. War das Haus nur ein Sommersitz, wie man lesen kann? Es ist möglich, denn Adlige und wohlhabende Bürger verließen oft im Sommer die Stadt und hielten sich in der Grünzone vor dem Promenadenring auf. Davon zeugt noch heute das Schlaunsche Gartenhäuschen an der von Kluck-Straße.

Einer anderen überlieferten Version nach soll Friedrich von Galen Einsamkeit, Meditation und Gebet geschätzt haben und sich deshalb in das wenig besiedelte Gebiet „Vor dem Aegidiitore“ zurückgezogen haben. Als er 1732 zum Domdechanten gewählt wurde, ließ er jedoch für sich am Domplatz die „Galensche Kurie“ errichten, auf deren Gelände heute das LWL-Museum steht.

Ein originelle Erklärung wusste eine der zuletzt in der Friedrichsburg lebenden Vorsehungsschwestern zu präsentieren: Demnach war Friedrich von Galen ein Freund des guten Bieres, und da das Bier auf dem Lande bessere Qualität hatte als das Bier der Stadt, unternahm er häufiger Ausfahrten zu den ländlichen Krügen. Dabei soll es vorgekommen sein, dass er die Stadt nicht rechtzeitig vor Schließung der Stadttore erreichte und bis zum nächsten Morgen warten musste. Deshalb verlegte er seinen Wohnsitz kurzerhand vor die Tore der Stadt. Diese Erklärung bedarf noch einer Überprüfung!

Jesuiten in der Friedrichsburg

Nach dem Tode Friedrichs von Galen verpachtete die Familie das Haus, bis sich mehr als hundert Jahre später ein Käufer fand: der Jesuitenorden. Die Jesuiten errichteten hier ein Noviziat. Durch sie erfuhr die Friedrichsburg erste Umbauten: der Mitteltrakt wurde erhöht und das Haupthaus bekam ein Walmdach, im Norden wurde ein Anbau hinzugefügt.

So sah der Zeichner Emil Stratmann die Friedrichsburg vor dem Zweiten WeltkriegSo sah der Zeichner Emil Stratmann die Friedrichsburg vor dem Zweiten Weltkrieg


Die Jesuiten blieben nur 21 Jahre lang Bewohner der Friedrichsburg. 1872 wurden sie von der Regierung des Deutschen Kaiserreiches ausgewiesen: es war die Zeit des so genannten Kulturkampfes zwischen der Reichsregierung unter dem Reichskanzler Bismarck und der katholischen Kirche. Besonders das ehemalige Fürstbistum Münster war durch den Kulturkampf stark betroffen. Die katholischen Orden wurden verboten; kein Jesuit durfte sich auf deutschem Boden aufhalten. Das Haus stand einige Jahre leer, bis sich 1888 neue Bewohner fanden:

Die Vorsehungsschwestern

Der 1842 in Münster-St. Mauritz gegründete Orden der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung  widmete sich der Sorge um junge Mädchen und gründete Waisenhäuser, Schulen und Ausbildungsstätten. Auch sie betraf das Verbot katholischer Orden, jedoch gewährte ihnen die Fürsprache der Kaiserin Augusta einen zweijährigen Aufschub, begründet durch ihre Sorge um Waisenkinder. 1878 mussten jedoch auch die Schwestern Deutschland verlassen; sie ließen sich wie die Jesuiten in Steyl an der holländischen Grenze nieder. 1887 erhielten sie die Erlaubnis zur Rückkehr. Sie schlossen mit den Jesuiten einen Mietvertrag für zehn Jahre und richteten dort zunächst ein Noviziat und ein Mädchenpensionat mit einer Schule für Haus- und Handarbeiten  ein.

Auf Wunsch des Münsteraner Bischofs Poggenburg wurde das Mutterhaus 1892 von Sankt Mauritz  in die Friedrichsburg verlegt. Der bereits von den Jesuiten errichtete Nordtrakt wurde um einen östlichen Seitenflügel erweitert.
Ein Foto zeigt deutlich die Bauabschnitte: der Mittelrisalit mit seinem erhöhten Giebel überragt den gesamten Komplex, links und rechts schließen sich die beiden zweiachsigen Trakte der zweigeschossigen ehemaligen Kurie an. Das Gebäude wurde im Süden durch einen im Stil angepassten Flügel erweitert.
Rechts sieht man den geräumigen aber schlichten Erweiterungsbau mit dem Seitenflügel. Dieser bekam 1930 ein zusätzliches Stockwerk. Eine neue Kapelle wurde 1933 geweiht.



von der WEselerstraße aus gesehen


Die Friedrichsburg im Zweiten Weltkrieg
Kurz nach Kriegsbeginn plante der Oberbürgermeister Anton Hillebrand die Beschlagnahme der Friedrichsburg zu Militärzwecken und am 5. Oktober 1940 wurde dort ein 40köpfiger Sanitätstrupp stationiert. Im Verlauf des Krieges sollten einquartierte Soldaten und Kriegsgefangene folgen.
Die Schwestern versuchten, in anderen Niederlassungen auf dem Land unterzukommen. Nur zwölf Schwestern verblieben während des Krieges auf der Friedrichsburg.
Zwischen September 1944 und März 1945 wurde die Friedrichsburg fünfmal Ziel von alliierten Bombenangriffen. Die Nähe zur Ringstraße, einer wichtigen Verkehrsader,  wurde ihr zum Verhängnis.


"Der schwerste Angriff auf Münster setzte ein. Münster in Flammen war die kurze Meldung, die die Not der Menschen noch steigerte. Kein Bunkerwart und keine Vorsichtsmaßregeln hielten uns lange im Bunker. Als wir zurückeilten, war die Weseler Straße eingesäumt von brennenden Häusern. Zu diesen gehörte auch unsere Friedrichsburg. Der Nordflügel und der bereits bombardierte Mittelbau brannten lichterloh. Aus allen Fensterlöchern schlug das Feuer. Hier war nichts mehr zu retten. Aber auch der Neubau war getroffen. Über dem Südflügel schlugen die Flammen aus dem Dach. Fast kein Ziegel saß mehr an seinem Platz. Wohin das Auge schaute, Verwüstung, Brand. Die Haustür und alle Türen waren aus den Angeln, die Fenster mit Rahmen aus den Wänden herausgerissen, die Glaswand im Flur zerbrochen, im Schwesternflur, im Schwesternzimmer, auf der Krankenveranda, in mehreren Krankenzimmern, auf dem Glockenboden, im Kartoffelkeller, überall hatten die Brandbomben gezündet, in allen Teilen des Hauses war Feuersglut. Niemand überlegte, was zu tun sei, die Hilfe organisierte sich wie von selbst. Die gefährdetsten Stellen: Glockenboden, Verbindungsstellen zwischen Treppenhaus und Novizenkorridor wurden unter Wasser gesetzt. Die einzige erreichbare Wasserquelle war der Bombentrichter an der alten Esche am Geistbach im Garten. Eimer auf Eimer wurde im eiligen Lauf, zum Teil auf Schiebkarren, zum Hause geholt. Zu einer Wasserkette fehlten die Hände. An den Brandstellen stand die nachbarliche Hilfe und griff uns die Eimer aus der Hand.“
Bei den Aufräumarbeiten halfen französische und serbische Kriegsgefangene sowie so genannte Ostarbeiter."
zitiert nach: Schwester Angelika Welzenberg, s.u., S. 100 bis 101




zerstörte Gebäude der Friedrichsburg

Am 2. April 1945, Ostermontag, zogen die Amerikaner in Münster ein. Gegen 16.30 Uhr übernahmen sie die Friedrichburg. Sofort begann man, zunächst notdürftig, mit der Instandsetzung, so dass die evakuierten Schwestern schon 1946 zurückkehren konnten.

Umbau und Neubau
1962 begann eine grundlegende Sanierung und Umgestaltung. Äußerlich passte sich der Neubau den Anbauten  des frühen 20. Jahrhunderts an. Eine neue Kapelle wurde in einem neuen Seitenflügel errichtet.
1975 wurde der mittlere Bau, der einst Kurie gewesen war, abgerissen und neu gebaut. Im Stil der siebziger Jahre war die Fassade eine Gestaltung aus Glas, Stahl und Kunststoff. Im Inneren entstand eine großzügige Eingangshalle.

Aufnahme vom Frühajhr 2020. Zu diesem Zeitpunkt war die Friedrichsburg schon geräumt.


 Das Gelände der Friedrichsburg besaß vier Eingänge:
Hauptzufahrt wurde das große, abends verschlossene Tor am Hoppendamm.

Hauptzufahrt vom Hoppendamm aus


Eine weitere Zufahrt gab es von der Weselerstraße, eine dritte selten genutzte vom Koldering aus. Für Fußgänger gab es am Ende der Körnerstraße ein kleines Seitentor.

Törchen am Ende der Körnerstraße

 Der großzügige Park stand allen tagsüber offen.
Einmal im Jahr errichteten der Pluggendorfer Schützenverein auf dem Gelände sein Festzelt.


Der dreiflügelige Neubau mit dem Park, von der eselerstraße aus gesehen





Ende der Friedrichsburg
Wie allen Orden in Deutschland fehlte es auch den Schwestern von der Göttlichen Vorsehung im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert an Nachwuchs. Der Orden beschloss deshalb, die Friedrichsburg zu verkaufen. Käufer wurde die benachbarte LVM. Im ehemaligen Klostergarten entstanden drei Wohnhäuser, von denen eines das neue Provinzhaus der Schwestern wurde. Am 29. April 2020 weihte Bischof Genn dort die Kapelle; ab März konnten die Häuser bezogen werden.


Im Januar 2021 begannen die Abrissarbeiten an der Friedrichsburg. Ab 2022 soll hier neu gebaut werden.



Hauptsächlich verwandte Literatur:
Schwester Angelika Welzenberg, Die westfälische Provinz der Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung, 1. Band 1842 - 1970, Münster 1991
Jörg Niemer, Die Friedrichsburg, in: Gottfried Laurenz Pictorius, Münster (Westf.) 2002, S.140 -144
50 Jahre Pfarrgemeinde Sankt Antonius, Festschrift zur Fünfzig – Jahr – Feier, Münster 1959
Münster, Von der Provinzial- zur Gauhauptstadt, Münster 2000
LWL
Augenzeugenberichte


Fotoimpressionen 2020 bis 2022:

22. März 2022: die Natur erorbert sich das Gelände der Friedrichsburg. Der Frühling zieht ein.
Von den Klostergebäuden ist nur noch die Einsegnungskapelle mit dem Glockenturm erhalten. Die Glocke ruft immer noch dreimal täglich zum Gebet.

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2. Februar 21: Die Kapelle wird abgerissen. Vorn im Bild: die von "lackaffen.de" gestaltete Umfassungsmauer



vom Hoppendamm aus gesehen. 31. Januar 2021



Die Aussegnungskappelle mit dem Glockentürmchen. Die Kappelle war ursprünglich als Gartenhaus gedacht-


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 Impressionen von Ostern 2020


Der Haupteingang
Die beiden Sandsteineinfassungen stammen  noch vom ursprünglichen Gebäude  von Laurenz Pictorius.


 

Gartenhaus



Im Sommer sprudelte im Klostergarten ein kleiner Brunnen.Das Wasser stammte aus dem heute kanalisierten Geistbach



Diese Haus beherbergte einst ein Schwimmbad für die Schwestern. In den letzten Jahren befand sich dort eine Dokumentation zur Geschichte des Ordens



Ein unauffälliger Zeuge aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ist diese kleine verwitterte Rundbank. Bänke, die um Bäume herum gebaut wurden, waren damals typisch für das Erholungsgebiet am Aasee. Diese letzte Bank ist, wie man sieht, schon jetzt Teil der Baustelle und wird gewiss bald verschwinden..


Pieta in der Nordostecke des Klostergartens. Im Sommer rankten Rosen an der Begrenzungsmauer.


Ein Holzkreuz steht noch auf der von hohen Bäumen umstandenen Wiese im Osten des Klostergebäudes. Es gehörte ursprünglich zu dem im Krieg durch Bomben zerstörten Friedhof, wurde aber unversehrt unter den Trümmern gefunden und im Garten aufgestellt.


letzte Aktualisierung: 29.3.2022