Pluggendorf - ein Kurzportrait


Trotz seines Namens  war Pluggendorf niemals ein Dorf. 1875 gehörte das heutige Viertel nicht einmal zum Stadtgebiet Münster: für die südlicheren  Ränder galt das  sogar bis zum Jahre 1903. In den vergangenen Jahrhunderten hieß das Gelände einfach „vor dem Ägidiitore", entsprechend seiner Lage vor den Mauern der Stadtbefestigung. Es war so wenig besiedelt, dass es nicht einmal eines eigenen Namens bedurfte. Pluggendorf dürfte zunächst nur eine volkstümliche Bezeichnung gewesen sein, und woher der Name stammen soll, wird erst später verraten.

Die Grenzen des Stadtteils Pluggendorf lassen sich im Norden, Westen und Süden leicht beschreiben; anders sieht es jedoch im Osten aus, wo sie sich regelrecht durch die Straßen schlängeln.
Beginnen wir im Norden. Dort verläuft die Grenze zunächst über die von-Kluck-Straße, eine schmale Straße, die quer über das Grundstück des Gymnasiums Marienschule führt. Der nördliche Straßenrand mit der Aula und der Turnhalle gehört schon zum Stadtteil Geist, während die eigentlichen Schulgebäude in Pluggendorf liegen. Die von-Kluck-Straße mündet in die Straße Am Kanonengraben und die Grenze verläuft von dort zur Adenauerallee, dann westlich über die Annette-Allee zum Kolde-Ring und mit der Torminbrücke; der Kolde-Ring endet an der Weseler Straße, deren östlicher Rand ab der Kreuzung bereits zur Aaseestadt gezählt wird. Im Westen gehören der Park Sentmaring, die Straßen Am Krug, Donders-Ring und Teile der Geiststraße noch zu Pluggendorf, während die Antoniusstraße, die von der Geiststraße abzweigt, Pluggendorf von der Geist trennt: die Matthäuskirche gehört noch zu Pluggendorf, die Häuserreihe gegenüber ist Teil der Geist. Wenn man nun noch die Hermannstraße überquert, erreicht man wieder die von-Kluck-Straße.

Der Stadtteil Pluggendorf galt und gilt seit der Zeit, als sich dort im 19. Jahrhundert ein Wohngebiet herausbildete, als ein Viertel der „kleinen Leute“. Es war vorwiegend ein Viertel der Arbeiter und Angestellten. Wenn die Stadt Münster zu Recht stolz  ist, als schöne Stadt zu gelten, so muss man leider sagen, dass Pluggendorf dazu wenig beigetragen hat. Mit anderen Stadtteilen, die sich auch an den Promenadenring anschmiegen, wie beispielsweise  das Kreuzviertel, das Mauritzviertel oder selbst Klein Muffi, kann Pluggendorf nicht konkurrieren. Die Bebauung besteht größtenteils aus einfachen, zweckmäßig und schmucklos gebauten Mehrfamilienhäusern; die Wohnstraßen sind zumeist eng und wenig begrünt. Nur am Hoppendamm, an der Blumenstraße und an der Norbertstraße gibt es nennenswerte Vorgärten, die diese Straßen heller und breiter erscheinen lassen.

Das alles macht Pluggendorf jedoch nicht weniger liebenswert. Pluggendorf ist "Kult" und die Wohnungen dort sind äußerst begehrt, was beileibe kein Wunder ist. Denn welcher zentrumsnahe Stadtteil in Münster oder anderswo kann v on sich sagen, dass er einen See mit einem preisgekrönten Freizeitpark direkt vor der Haustüre hat? Pluggendorf verdankt seine Beliebtheit und seinen Charme selbstverständlich dem Aasee mit seiner ganzen Palette an Freizeits- und Entspannungsmöglichkeiten.

Am Aasee herrscht im Grunde immer, wenn auch abhängig von Tageszeit, Jahreszeit und Wetter, reges Treiben. Von den Wohnstraßen in Pluggendorf lässt sich das leider längst nicht mehr sagen, im Gegenteil, Pluggendorf teilt das Schicksal  anderer Stadtteile, die außerhalb des Promenadenrings liegen. Sie sind mehr oder weniger Schlafquartiere geworden. Wer dort tagsüber spazieren geht, bleibt meist allein und begegnet niemandem. Kinder, die auf der Straße spielen, mit Kreide ein Hinkelhäuschen aufs Pflaster malen oder Inline-Skater fahren, sind selten geworden. Auch die beiden Spielplätze an der Körnerstraße und der Scharnhorststraße werden nur noch selten  genutzt. Das war natürlich nicht immer so. In den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende gab es auf den pluggendorfer Straßen viel Leben, besonders morgens, wenn die Hausfrauen einkaufen gingen. Vor dem Krieg zählte man in Pluggendorf sogar zehn Gaststätten; einige davon gehörten zur gehobenen Klasse. Nur zwei dieser Traditionslokale haben sich erhalten, zum Glück
sind in aufgegebenen Ladenlokalen inzwischen einige neue entstanden, die besonders mit ihrer Außengastronomie für Lebendigkeit sorgen.

Bis in die 70er Jahre hinein reihte sich an der Weseler Straße  Geschäft an Geschäft. Hier gab es alles zu kaufen,  das  heute einen Ausflug in die Innenstadt oder ins Internet erfordert: Elektrogeräte, Radio, Fernseher und Co, sogar Schallplatten, Schreibwaren in gehobener Qualität bis hin zum Pelikan-Füllfederhalter, Kosmetika sowie Nacht- und Unterwäsche. Es gab eine Fahrradwerkstatt vor Ort und  vier Tankstellen, deren Betreiber  auch Autoreparaturen vornehmen konnten. Links und rechts der Scharnhorststraße fanden sich auf dem Teilstück zwischen Körnerstraße und Offenbergstraße zehn verschidene Geschäfte für Lebensmittel, darunter ein Metzger mit eigener Wurstküche und eine Bäckerei-Konditorei mit eigener Backstube.

Einige kleine Läden waren sogar richtige Raritäten. Zu Anfang der Straße An den Bleichen verkaufte die freundliche Frau K. auf maximal zwei Quadratmetern frische Milch und Schlagsahne aus großen Kannen,  die ihr gerade noch Platz für einen kleinen Hocker ließen. An der Scharnhorststraße konnten die Pluggendorfer für wenige Pfennige in einem düsteren Schreibwarengeschäft sogar Bücher ausleihen, und an der Ecke zur Brunnenstraße reparierte Frau B. in einem winzigen Geschäft im Souterrain von morgens bis abends mit einem Spezialgerät die Seidenstrümpfe der sparsamen Pluggendorferinnen.

Von diesem bunten Angebot hat sich fast nichts mehr erhalten. Die meisten Ladenlokale sind heute nicht einmal mehr als solche auszumachen. Sie wurden umfunktioniert und teilweise auch umgebaut. Pluggendorf verfügt heute nicht einmal mehr über eine eigene Schule und auch die Antoniuskirche erfüllt nicht mehr ihre Aufgabe als Pfarrkirche. Beides bedeutet einen herben Verlust für das Viertel, denn sowohl Kirchen als auch Schulen sind, wenn auch in begrenztem Maße, immer auch kleine Kulturzentren. Für Familien mit Kindern ist Pluggendorf als Wohnviertel nicht besonders attraktiv. Mit wenigen Ausnahmen stammen alle Wohnungen aus den Nachkriegsjahren und entsprechen nicht mehr den heutigen Erwartungen. Wenn sie saniert werden, ist die Miete entsprechend hoch. Junge Familien ziehen wieder weg, sobald auch das zweite Kind ein eigenes Zimmer benötigt. Pluggendorf ist folglich beliebt bei Singles jeden Alters und besonders bei Studenten, die häufig wechseln.